Mit
tiefen Eindrücken von Studienreise nach Auschwitz und Krakow in Polen
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Gedenkstättenfahrt
für Hauptschüler vom 19.03.-24.03.2007 erfolgreich
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SchülerInnen der Jahrgangsstufe 10 der Hauptschule Bünde nahmen an der
5-tägigen Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz teil. Gern hätte auch der
17-jährige Adriyan Haxhovic teilgenommen, aber Adryian ist Roma - seine
Familie stammt aus dem heutigen Kosovo, wird in Deutschland seit 16
Jahren nur geduldet und darf das Land nach geltendem Ausländerrecht
nicht verlassen. So verweigerte die Ausländerbehörde nach Anfrage dem
Jungen die Reise zu jenem Ort, an dem auch Vorahnen seiner Familie von
den Nationalsozialisten ermordet wurden.
Aber auch ohne Adrian Haxhovic handelte es sich bei dieser Teilnehmergruppe
um eine multikulturell zusammengesetzte Lerngruppe. Die Hälfte der Teilnehmenden
hatte einen Migrationshintergrund. Ihre Familien stammten ursprünglich
aus der Türkei, aus Weißrussland, aus Ex-Jugoslawien, aus Polen oder
aus Großbritannien. Durch gute Kooperationsabsprachen im Vorfeld war
einerseits eine intensive Vorbereitung im schulischen Geschichtsunterricht
gelaufen, andererseits konnte das didaktische Konzept so adäquat den
Lernbedürfnissen dieser Zielgruppe angepasst werden. Die Lerngruppe
entwickelte ein auffallend starkes Interesse an der Thematik und zeigte
sich hoch motiviert, den teils 3-stündigen Ausführungen während der
Führungen in Auschwitz und Birkenau - trotz nasskalter Wetterbedingungen
- höchst aufmerksam zu folgen. Hilfreich und dienlich waren dabei allerdings
auch die Aufteilung der Gesamtgruppe und der Einsatz von 2 Guides des
Museums.
Der
erste Programmpunkt hieß folglich: >Zur Topografie des Ortes Auschwitz
früher und heute< Welche Infrastruktur fanden die Nationalsozialisten
1940 hier vor? Welche Entwicklung nahm der Ort in den folgenden 5
Jahren? Wie entwickelte sich der Ort Oswiecim nach 1945 unter den
Bedingungen der Geschichtlichkeit des Ortes? Dazu wurde u.a. das >Auschwitz
Jewish Center<, ein kleines Museum in Oswiecim aufgesucht, welches
mit einer Ausstellung und Informationen zum Leben in der Stadt Oswiecim
vor 1939 aufwartet.

Danach
ging es um die persönliche Erwartungsabklärung vor dem Besuch der Gedenkstätte
und der eher psychologischen Einstimmung auf die Begegnung mit Auschwitz,
den möglicherweise individuell unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Reaktionsweisen
und der unterschiedlichen Betroffenheiten, z.B. bei der gleichzeitigen
Anwesenheit anderer nationaler Besuchergruppen im Museum. Die Teilnehmenden
sollten darauf vorbereitet sein, dass sie als Besucher den Ort jeweils
unterschiedlich erfahren könnten: als touristischen Ort, als Lernort,
als Museum oder auch als Gedenkort oder als Friedhof. Diese
Aspekte der Wahrnehmung waren dann später auch Gesprächsgegenstand beim
Erfahrungsaustausch nach den Führungen.
Dabei
standen folgende Fragen im Zentrum:
· Was hat dich am meisten berührt, während wir die zwei Lager
besichtigt haben?
· Welche menschlichen Haltungen sind für Dich ursächlich, dass
Auschwitz so geschehen konnte?
· Wie hat sich dein Bild über Auschwitz durch den Besuch verändert?
Hat es sich verändert?
· Welche Gründe könnte es haben, wenn Menschen die Geschehnisse
in Auschwitz/Birkenau heute relativieren oder verharmlosen
wollen?
Zeitzeugenbegegnung
als besondere Chance
Das Zeitzeugengespräch mit dem polnischen Holocaustüberlebenden Tadeusz
Sobolewicz am Mittwochnachmittag erfüllte alle Erwartungen, die mit
dieser Vermittlungsform von individuell erlebter Geschichte verbunden
sind. Nach dem ersten Teil , in dem die Seminargruppe den Schilderungen
des Überlebenden mit hoher Wachsamkeit und Anteilnahme gefolgt war,
nutzten diese in einem zweiten Teil sehr rege die Chance, den Zeitzeugen
nach ganz konkreten Details jener Zeit aber auch nach den Folgen und
Folgerungen seiner besonderen Erfahrungen für die Zeit nach der Befreiung
(1945) und heute zu befragen.

Eine
Besonderheit der Zeitzeugenbegegnungen mit Herrn Sobolewicz liegt darin,
dass es sich nicht nur um eine historisch orientierte Erinnerungsarbeit
handelt, sondern dass die Jugendlichen durch Herrn Sobolewicz als politische
Subjekte der Gegenwart und als Mitgestalter von Zukunft angesprochen
werden. "Es ist nicht mein Ziel", so der Holocaustüberlebende, "Euch
als Deutsche für die Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen. Nein,
es ist meine moralische Pflicht, Euch - so lang ich es noch kann - von
der Vergangenheit zu erzählen, damit Ihr diese Erinnerung jetzt umsetzt
in eine Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben in einem vereinten
Europa u n d damit Auschwitz mit Eurer Hilfe nicht in Vergessenheit
geraten kann!" Die jugendlichen TeilnehmerInnen zeigten sich dieser
Ansprache gegenüber sehr aufgeschlossen; sie fühlen sich durch das formulierte
Vermächtnis Ernst und in die Pflicht genommen. Rückmeldungen
machen regelmäßig deutlich, dass durch Gespräch und Begegnung mit diesem
Zeitzeugen der eigene Identitätsbildungsprozess einen Schub erfährt,
dass das individuelle Handeln in der Gegenwart eine neue Bedeutung erhält.
In welcher Weise die Jugendlichen die Aufforderung des Zeitzeugen, sich
heute zu positionieren und Zivilcourage zu zeigen, aufgenommen haben,
spiegelt sich u. a. in einigen Formulierungen der Evaluation, die noch
auf der Rückreise vorgenommen wurde, wider. Hier wird im Sinne der konzeptionellen
Zielsetzung nochmals deutlich, das diese Lerngruppe die Thematik an
sich hat rankommen lassen und die damit gebotenen Chancen nutzen wollte
und konnte.

Die
Erinnerung wach halten!
Das Konzept der Veranstaltung wollte den historischen Weg zum Verlust
der Menschenwürde nochmals nachvollziehbar machen und dabei den Blick
für politische und individuelle Verantwortung schärfen. Es geht mit
den Worten von A. u. M. Mitscherlich darum, zu verhindern, "dass noch
einmal Gehorsamsakte, welche die individuelle Verantwortung auslöschen,
zu deutscher Politik werden können."(Mitscherlich, A. u. M.: Die Unfähigkeit
zu trauern, S. 28) Das Bemühen, "die Katastrophen der Vergangenheit
in unseren Erfahrungsschatz einzubeziehen, und zwar nicht nur als Warnung,
sondern als die spezifisch an unsere ‚nationale' Gesellschaft ergehende
Herausforderung, mit ihren darin offenbar gewordenen brutal-aggressiven
Tendenzen fertig zu werden"(S. 23) kann nicht nur eine kurzzeitpädagogische
Anstrengung sein. "Der Inhalt einmaligen Erinnerns, auch wenn es von
heftigen Gefühlen begleitet ist, verblasst rasch wieder. Deshalb sind
Wiederholung innerer Auseinandersetzungen und kritisches Durchdenken
notwendig, um die instinktiv und unbewusst arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes
im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen
zu überwinden."(S.24) A. und M. Mitscherlich haben verdienstvoll jene
psychohistorischen Dimensionen in die Erinnerungsdebatte eingeführt,
die uns als aktuell erinnernde und handelnde Subjekte in das Problemfeld
einbeziehen. "Wo psychische Abwehrmechanismen wie etwas Verleugnung
und Verdrängung bei der Lösung von Konflikten, sei es im Individuum,
sei es in einem Kollektiv, eine übergroße Rolle spielen, ist regelmäßig
zu beobachten, wie sich die Realitätswahrnehmung einschränkt und stereotype
Vorurteile sich aus-breiten."(S.24)
Wir wissen heute, dass eine eher unbewusste Zensur unseres eigenen Bewusstseins
dafür zuständig ist, dass gerade in den wünschenswertesten Fällen die
heilsame Wirkung des Erinnern und Durcharbeitens nicht stattfindet,
denn entscheidend ist die unbewusste Dimension der Erinnerung. "Wir
haben uns das Verschwinden ehemals höchst erregender Vorgänge aus der
Erinnerung als das Ergebnis eines gleichsam reflektorisch ausgelösten
Selbstschutzmechanismus vorzustellen." Folglich gilt, damals wie heute:
"Alle Vorgänge, in die wir schuldhaft verflochten sind, werden verleugnet,
in ihrer Bedeutung umgewertet, der Verantwortung anderer zugeschoben,
jedenfalls nicht im Nacherleben mit unserer Identität verknüpft".
In
Krakow stand u.a. eine Ortserkundung mit dem Thema >Spuren des ehemaligen
Krakower Ghetto's erkunden< auf dem Programm. Ausgestattet mit jeweils
einem fotokopierten Stadtplanausschnitt mit eingearbeiteten Hinweisen
auf zu findende historische Orte (Überbleibsel der Ghettomauer / >Die
Emaillewarenfabrik des Oskar Schindler / die Apotheke des ehemaligen
Ghettos (heute ein kleines Ghettomuseum) sollten die Teilnehmenden in
kleinen Gruppen eigenständig bestimmte Stellen erkunden und dort befindliche
historische Befunde in Augenschein nehmen.

Dazu mussten Fragen beantwortet werden, Informationen, die sie nur vor
Ort abrufen konnten. Bei der gemeinsamen Auswertung wurden diese in
den historischen Gesamtzusammenhang gestellt. Dieser Programmpunkt forderte
die Teilnehmenden bewusst als selbsttätig, aktiv Handelnde und Lernende
heraus. Die Ergebnisse der Recherchen und Überlegungen waren mehr als
zufriedenstellend. Der auf der Rückreise im Bus gezeigte Film >Schindlers
Liste< ließ die Orte und das dortige historische Geschehen nochmals
‚lebendig' werden.
Vlotho,
April 2007
Johannes Schröder |