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13.10.2009 Vlothoer Anzeiger

Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist
von VERENA RUSCHEMEIER
Die Gedenkstättenfahrt der Stätte der Begegnung hat bei den Schülern des Weser-Gymnasiums Spuren hinterlassen / Gespräch mit Zeitzeugen.

Vlotho/Auschwitz (va). 25 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Vlothoer Weser-Gymnasiums hatten sich dieses Jahr dazu entschlossen, an der viertägigen Fahrt nach Oswiecim/Auschwitz in Polen teilzunehmen.

Das freiwillige Angebot, organisiert und geleitet von der Stätte der Begegnung, gehört seit vielen Jahren zum Schulprogramm des WGV. Doch es war keine Reise im üblichen Sinne, sondern eine Begegnung mit dem grausamsten Kapitel in der deutschen und europäischen Geschichte; eine Konfrontation, die gleichzeitig unter die Haut ging, aber auch die Augen öffnete.

"Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist", so hätte man die Begehung der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau überschreiben können. Im Museum des Stammlagers (Auschwitz 1) wurde den Schülern das System der Entwürdigung, Ausbeutung und Versklavung der verschiedenen Opfergruppen durch das nationalsozialistische Terrorsystem erklärt und dadurch umso unbegreiflicher.

Tags darauf, in Birkenau, dem wohl größten Friedhof der Geschichte, wurden der Gruppe die Spuren der Vernichtung "unwerten Lebens mit technischer Perfektion" und das gigantische Ausmaß der Gräuel sichtbar.
Doch nicht nur das riesige Gelände und die Vielzahl an Informationen machten fassungslos. Es waren vor allem die Schicksale einzelner Opfer und Familien, die zwischendurch erwähnt wurden. "Zahlen wurden plötzlich zu konkreten Menschen, ich habe begonnen zu erfassen, wie groß und schrecklich der Holocaust wirklich war", so formulierte es Mirjam Westermann in der Auswertungsrunde.
Einen besonderen Einblick in eins der hunderttausenden Schicksale von Auschwitz bot den Jugendlichen das Zeitzeugengespräch mit Tadeusz Sobolewicz.
"Die Schülerinnen und Schüler hatten das Glück", so Johannes Schröder von der Stätte der Begegnung e.V., "dass sie den Zeitzeugen aus Krakau mit seinen 85 Jahren noch persönlich erleben konnten. Das wird nicht mehr lange möglich sein." Tadeusz Sobolewicz berichtete der Gruppe in großer Eindringlichkeit von seinem Überlebenskampf im Lager und seiner Odyssee durch insgesamt sechs Konzentrations- und Arbeitslager.

"Botschaft ist bei uns angekommen"
Seine Aufgaben: Zementsäcke schleppen, Kies aus einem Fluss schaufeln, ,Essen` verteilen, Leichen einsammeln. "Es war immer wieder Zufall, dass ich überlebte. Ich hätte auch an der Stelle meiner getöteten Kameraden sein können." Der Zeitzeuge, der sich heute als Sprachrohr der polnischen Opfergruppe versteht, schloss seine Ausführungen: "Hass und Vergeltung müssen der Vergangenheit angehören. Ihr jungen Leute seid nicht für die Schuld eurer Vorfahren verantwortlich, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft - dafür, nicht zu vergessen und dass so etwas wie Auschwitz nie wieder passiert."
Florian Giese meinte später: "Die Botschaft ist bei uns Jugendlichen angekommen. Ich bin mir der Verantwortung stärker bewusst geworden, etwas gegen Ausgrenzung zu tun". Für Heidi Sham hatte diese Fahrt als australische Austauschschülerin eine besondere Bedeutung. Sie stellte in der Auswertung fest: "Jetzt weiß ich, wie ahnungslos ich vorher war. Ich werde mich - für ewig - an diese Fahrt erinnern".

 

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