Mit
eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist
von
VERENA RUSCHEMEIER
Die
Gedenkstättenfahrt der Stätte der Begegnung hat bei den Schülern des
Weser-Gymnasiums Spuren hinterlassen / Gespräch mit Zeitzeugen.
Vlotho/Auschwitz
(va). 25 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Vlothoer
Weser-Gymnasiums hatten sich dieses Jahr dazu entschlossen, an der
viertägigen Fahrt nach Oswiecim/Auschwitz in Polen teilzunehmen.
Das freiwillige Angebot, organisiert und geleitet von der Stätte der
Begegnung, gehört seit vielen Jahren zum Schulprogramm des WGV. Doch
es war keine Reise im üblichen Sinne, sondern eine Begegnung mit dem
grausamsten Kapitel in der deutschen und europäischen Geschichte;
eine Konfrontation, die gleichzeitig unter die Haut ging, aber auch
die Augen öffnete.

"Mit
eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist", so hätte man die
Begehung der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau
überschreiben können. Im Museum des Stammlagers (Auschwitz 1) wurde
den Schülern das System der Entwürdigung, Ausbeutung und Versklavung
der verschiedenen Opfergruppen durch das nationalsozialistische Terrorsystem
erklärt und dadurch umso unbegreiflicher.

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darauf, in Birkenau, dem wohl größten Friedhof der Geschichte, wurden
der Gruppe die Spuren der Vernichtung "unwerten Lebens mit technischer
Perfektion" und das gigantische Ausmaß der Gräuel sichtbar.
Doch nicht nur das riesige Gelände und die Vielzahl an Informationen
machten fassungslos. Es waren vor allem die Schicksale einzelner Opfer
und Familien, die zwischendurch erwähnt wurden. "Zahlen wurden plötzlich
zu konkreten Menschen, ich habe begonnen zu erfassen, wie groß und
schrecklich der Holocaust wirklich war", so formulierte es Mirjam
Westermann in der Auswertungsrunde.
Einen besonderen Einblick in eins der hunderttausenden Schicksale
von Auschwitz bot den Jugendlichen das Zeitzeugengespräch mit Tadeusz
Sobolewicz.
"Die Schülerinnen und Schüler hatten das Glück", so Johannes Schröder
von der Stätte der Begegnung e.V., "dass sie den Zeitzeugen aus Krakau
mit seinen 85 Jahren noch persönlich erleben konnten. Das wird nicht
mehr lange möglich sein." Tadeusz Sobolewicz berichtete der Gruppe
in großer Eindringlichkeit von seinem Überlebenskampf im Lager und
seiner Odyssee durch insgesamt sechs Konzentrations- und Arbeitslager.
"Botschaft
ist bei uns angekommen"
Seine Aufgaben: Zementsäcke schleppen, Kies aus einem Fluss schaufeln,
,Essen` verteilen, Leichen einsammeln. "Es war immer wieder Zufall,
dass ich überlebte. Ich hätte auch an der Stelle meiner getöteten
Kameraden sein können." Der Zeitzeuge, der sich heute als Sprachrohr
der polnischen Opfergruppe versteht, schloss seine Ausführungen: "Hass
und Vergeltung müssen der Vergangenheit angehören. Ihr jungen Leute
seid nicht für die Schuld eurer Vorfahren verantwortlich, aber ihr
seid verantwortlich für die Zukunft - dafür, nicht zu vergessen und
dass so etwas wie Auschwitz nie wieder passiert."
Florian Giese meinte später: "Die Botschaft ist bei uns Jugendlichen
angekommen. Ich bin mir der Verantwortung stärker bewusst geworden,
etwas gegen Ausgrenzung zu tun". Für Heidi Sham hatte diese Fahrt
als australische Austauschschülerin eine besondere Bedeutung. Sie
stellte in der Auswertung fest: "Jetzt weiß ich, wie ahnungslos ich
vorher war. Ich werde mich - für ewig - an diese Fahrt erinnern".