Heinrich
Schönker:
"Ich war acht und wollte leben."
Eine Kindheit in Zeiten der Shoah
Gespräch mit dem Autor Heinrich Schönker.
Gast: Katarzyna Mitzner (Karta-Verlag, Haus der Begegnung mit
der Geschichte, Warschau) Moderation: Hubert Wohlan (Deutsche
Welle)
Termin: 29.03.2009, 18.00 Uhr,
Polnisches Institut Düsseldorf,
Citadellstrasse 7, Tel.: 0211 866 96 0
Eintritt frei.
Das Polnische Institut Düsseldorf veranstaltet ein Treffen mit dem
Holocaust-Überlebenden Heinrich Schönker. Der Autor überlebte den
Holocaust, obwohl er in Auschwitz aufwuchs, wo später das Todeslager
entstand. Sein Buch erschließt uns nicht nur die unglaubliche Dimension
der Verbrechen der Nationalsozialisten auf sehr persönliche Weise,
es enthält bis jetzt ganz unbekannte Fakten über die Geschichte der
oberschlesischen Juden während der deutschen Besatzung.
Heinrich Schönker erzählt, wie sein Vater, Leo Schönker, der letzte
frei gewählte Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Auschwitz, auf Befehl
der deutschen Besatzer in Auschwitz ein Auswanderungsbüro nach Palästina
eröffnete und im November 1939 mit einer Delegation der oberschlesischen
Juden nach Berlin reiste, um dort weitere Anweisungen bezüglich einer
Auswanderung zu erhalten. In Berlin wurde die Delegation vom Leiter
des Palästina-Amtes und dem Vorsitzenden der Reichsver-tretung der
deutschen Juden, Rabbiner Dr. Leo Baeck empfangen.
Es gab zahlreiche Gespräche, Sitzungen und Konferenzen. Zuletzt wurde
die Delegation zur Bericht-erstattung bei Adolf Eichmann gerufen.
Die Deutschen waren damals sehr daran interessiert, dass diese Auswanderung
stattfände. Die Pläne sind gescheitert, weil man kein Land finden
konnte, das bereit gewesen wäre, die Juden aufzunehmen. Es herrschte
eine vollkommene Interesselosigkeit des Auslands.
Das außergewöhnliche und sogar sensationelle Zeugnis Heinrich Schönkers
hat bei Historikern Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen, da es
keine Dokumente gab, die diesen Versuch zur Emigration am Anfang des
Krieges bestätigen konnten. Im Sommer 2009 fand der Historiker Artur
Szyndler vom Jüdischen Zentrum in Auschwitz zwei sensationelle Dokumente
in Archiven in Jerusalem und New York, die Schönkers Erinnerungen
eindeutig bestätigen. Das alles bietet zweifel-los einen besonders
wichtigen Beitrag zu neuen Forschungen über diesen bis jetzt unbekannten
Aspekt der Holocaust-Geschichte.
Heinrich Schönker schreibt in seinem Buch „Ich war acht und wollte
leben“ (Patmos 2009), ohne die Schuld der Nazis an den Verbrechen
des Holocaust auch nur im Geringsten zu mindern, sei er überzeugt,
"dass zumindest die oberschlesischen Juden hätten gerettet werden
können, wenn die westlichen Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten
und England, mehr Interesse gezeigt hätten.“ Die Emigration nach Palästina
fand nicht statt, die jüdischen Einwohner Polens wurden in Ghettos
zusammengepfercht und von dort aus in Todeslager deportiert. Das Buch,
Gewinner des „Polityka“- Geschichtspreises für das beste Erinnerungsbuch,
stieß bei dem polnischen Dokumentarfilmregisseur Marek Pawlowski (seine
Filme „Verbotene Liebe - die Geschichte von Bronia und Gerhardt“ und
„Die Flucht“ wurden vom WDR ausgestrahlt) auf großes Interesse. Pawlowski
dokumentiert zurzeit gemeinsam mit Wissenschaftlern und Zeitzeugen
die misslungenen Pläne zur Emigration der Juden.
Heinrich Schönker geboren 1931 in Krakau, überlebte als Kind
den Holocaust. Nach dem Krieg studierte er in seiner Heimatstadt Ingenieurwissenschaften
und wanderte 1955 nach Österreich aus. Seit 1961 lebt er in Israel.
Ein Projekt in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit Düsseldorf und der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus.
Deutsch-osteuropäisches Forum.