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Vlotho
(VZ). Die Erinnerung ist für Walter Heinemann so lebendig, als wenn
es gestern passiert wäre. Das spüren die Zuhörer in jedem seiner Sätze.
Als er von seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Zeitz ins elterliche
Haus nach Herford spricht, muss er kurz abbrechen.
Der 80-Jährige hat mit den Tränen der Rührung zu kämpfen.
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Die
ungewöhnliche Erfahrung eines Zeitzeugengespräches machten gestern 24
Zwölftklässler aus Ostwestfalen-Lippe (darunter Schüler des Weser-Gymnasiums)
und aus Przemyl in Polen während eines deutsch-polnischen Geschichtsprojektes
im Gesamteuropäischen Studienwerk. Aufgeteilt in mehrere Gruppen hatten
sie Gelegenheit, mit dem jüdischen Zeitzeugen Walter Heinemann aus Herford
zu sprechen und Fragen zu den verschiedenen Themenkomplexen wie jüdischer
Alltag damals und heute, aber auch Verfolgung und Holocaust im Dritten
Reich zu stellen.
Ihr Gesprächspartner in diesem zweiten Teil des Projektes ist Walter
Heinemann, der 1928 als Sohn jüdischer Eltern in Herford geboren wurde.
Mit zehn Jahren erlebte er die Reichspogromnacht und musste von der
Schule genommen werden. Fortan wurde er in der Zeit des Dritten Reiches
in einer kleinen Gruppe von einem Rabbiner unterrichtet. Walter Heinemann
war erst 17 Jahre alt, als er 1944 in ein Konzentrationslager in Zeitz
(Nebenlager von Buchenwald) deportiert wurde. Ein Jahr später erlebte
er die Befreiung durch die Amerikaner. Danach zog es ihn in seine Heimatstadt
zurück. Er wurde in einem Fußballverein aktiv und ist bis heute Mitglied
in einer kleinen jüdischen Gemeinde.
Die Erlebnisse von damals haben sich in seine Erinnerung eingebrannt.
Eindrucksvoll ist seine Schilderung im Gespräch mit den Schülern, über
den Moment als seine Familie unter dem Druck der nationalsozialistischen
Verfolgung auseinandergerissen wird. »Meine Schwester hatte mein Vater
aus Angst vor den Nazis nach England zu einer Arztfamilie geschickt.
ÝWenn wir schon alle sterben müssen, soll wenigsten einer der Familie
überlebenÜ«, erinnert sich Walter Heinemann noch genau an die Abschiedsworte
seines Vaters. Die Schwester, die seitdem in England lebt, hat Heinemann
erst nach dem Krieg wiedergesehen.
Das Interesse der Jugendlichen aus Deutschland und Polen an der Geschichte
motiviert ihn, sich solchen Gesprächen zu stellen, berichtet er den
Projektteilnehmern. »Ich freue mich, wenn junge Leute bereit sind, aus
der Geschichte zu lernen«, sagt er.
Genau das ist die Intention des Projektes mit dem Titel: »Die Welt vor
der Katastrophe - Alltagsleben und Kultur von Juden in Deutschland und
Polen zwischen den Weltkriegen anhand zweier ausgewählter Biografien
und Orte«. Bereits im Mai hatten die Jugendlichen einen ersten Teil
des Projektes im polnischen Przemysl absolviert. Dort waren sie der
Zeitzeugin Stella Müller-Madej begegnet, die das Warschauer Ghetto und
das KZ überlebt hatte und dank der bekannten Liste Otto Schindlers gerettet
wurde.
Veranstalter des umfangreichen Geschichtsprojektes ist die Stätte der
Begegnung, die dabei von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung Zukunft«
und dem deutsch-polnischen Jugendwerk finanziell unterstützt wird.
»Wir wollten mit dieser Veranstaltung den Fokus schwerpunktmäßig auf
die Zeit der systematischen Ausgrenzung der Juden zwischen den beiden
Weltkriegen richten«, erläutert Projektleiter Johannes Schröder das
Konzept des Werkstatt-Seminars. Und auch die deutschen und polnischen
Schüler sind begeistert: »Wir erfahren zum einen hier viel über unsere
gemeinsame Geschichte. Zum anderen lernen wir Deutsche und Polen uns
durch diese Begegnung besser kennen«, sind sich Anna Faber aus Vlotho
und Michal Lech aus Polen einig.
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