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18.06.2008 (Westfalen-Blatt)

Die Erinnerung wird wieder lebendig
Von Joachim Burek (Text und Foto)

Vlotho (VZ). Die Erinnerung ist für Walter Heinemann so lebendig, als wenn es gestern passiert wäre. Das spüren die Zuhörer in jedem seiner Sätze. Als er von seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Zeitz ins elterliche Haus nach Herford spricht, muss er kurz abbrechen.
Der 80-Jährige hat mit den Tränen der Rührung zu kämpfen.


Christina Jansen, Michael Lech (vorne von links) und Anna Faber (vorne rechts) begrüßen
den Zeitzeugen und Holocoust-Überlebenden Walter Heinemann aus Herford (Mitte);
im Hintergrund die übrigen Teilnehmer des deutsch-polnischen Geschichtsprojektes.

Die ungewöhnliche Erfahrung eines Zeitzeugengespräches machten gestern 24 Zwölftklässler aus Ostwestfalen-Lippe (darunter Schüler des Weser-Gymnasiums) und aus Przemyl in Polen während eines deutsch-polnischen Geschichtsprojektes im Gesamteuropäischen Studienwerk. Aufgeteilt in mehrere Gruppen hatten sie Gelegenheit, mit dem jüdischen Zeitzeugen Walter Heinemann aus Herford zu sprechen und Fragen zu den verschiedenen Themenkomplexen wie jüdischer Alltag damals und heute, aber auch Verfolgung und Holocaust im Dritten Reich zu stellen.

Ihr Gesprächspartner in diesem zweiten Teil des Projektes ist Walter Heinemann, der 1928 als Sohn jüdischer Eltern in Herford geboren wurde. Mit zehn Jahren erlebte er die Reichspogromnacht und musste von der Schule genommen werden. Fortan wurde er in der Zeit des Dritten Reiches in einer kleinen Gruppe von einem Rabbiner unterrichtet. Walter Heinemann war erst 17 Jahre alt, als er 1944 in ein Konzentrationslager in Zeitz (Nebenlager von Buchenwald) deportiert wurde. Ein Jahr später erlebte er die Befreiung durch die Amerikaner. Danach zog es ihn in seine Heimatstadt zurück. Er wurde in einem Fußballverein aktiv und ist bis heute Mitglied in einer kleinen jüdischen Gemeinde.

Die Erlebnisse von damals haben sich in seine Erinnerung eingebrannt. Eindrucksvoll ist seine Schilderung im Gespräch mit den Schülern, über den Moment als seine Familie unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgung auseinandergerissen wird. »Meine Schwester hatte mein Vater aus Angst vor den Nazis nach England zu einer Arztfamilie geschickt. ÝWenn wir schon alle sterben müssen, soll wenigsten einer der Familie überlebenÜ«, erinnert sich Walter Heinemann noch genau an die Abschiedsworte seines Vaters. Die Schwester, die seitdem in England lebt, hat Heinemann erst nach dem Krieg wiedergesehen.

Das Interesse der Jugendlichen aus Deutschland und Polen an der Geschichte motiviert ihn, sich solchen Gesprächen zu stellen, berichtet er den Projektteilnehmern. »Ich freue mich, wenn junge Leute bereit sind, aus der Geschichte zu lernen«, sagt er.

Genau das ist die Intention des Projektes mit dem Titel: »Die Welt vor der Katastrophe - Alltagsleben und Kultur von Juden in Deutschland und Polen zwischen den Weltkriegen anhand zweier ausgewählter Biografien und Orte«. Bereits im Mai hatten die Jugendlichen einen ersten Teil des Projektes im polnischen Przemysl absolviert. Dort waren sie der Zeitzeugin Stella Müller-Madej begegnet, die das Warschauer Ghetto und das KZ überlebt hatte und dank der bekannten Liste Otto Schindlers gerettet wurde.

Veranstalter des umfangreichen Geschichtsprojektes ist die Stätte der Begegnung, die dabei von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung Zukunft« und dem deutsch-polnischen Jugendwerk finanziell unterstützt wird.

»Wir wollten mit dieser Veranstaltung den Fokus schwerpunktmäßig auf die Zeit der systematischen Ausgrenzung der Juden zwischen den beiden Weltkriegen richten«, erläutert Projektleiter Johannes Schröder das Konzept des Werkstatt-Seminars. Und auch die deutschen und polnischen Schüler sind begeistert: »Wir erfahren zum einen hier viel über unsere gemeinsame Geschichte. Zum anderen lernen wir Deutsche und Polen uns durch diese Begegnung besser kennen«, sind sich Anna Faber aus Vlotho und Michal Lech aus Polen einig.

 

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