Aktuelles
14.06.2007
"Die Lernkultur im Südtiroler Bildungssystem"
Erfahrungen, Informationen und Reflexionen einer Studienreise
der STÄTTE DER BEGEGNUNG e.V. nach Südtirol vom 15. - 20. Mai 2007



Hintergrund

Nachdem in der internationalen Studie PISA 2003 Südtirol finnische Spitzenwerte erreichte und sich somit stark von den übrigen italienischen Resultaten unterschied, erhielt diese mehrheitlich deutschsprachige Region auch bei uns größere bildungspolitische Aufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang steht die Durchführung einer Bildungsreise der "Stätte der Begegnung e.V.", Vlotho, an der im Mai 2007 Interessierte aus OWL aus Schulen, Politik und Verwaltung teilnehmen konnten.


Besonderheiten der Situation Südtirols
Bericht: Heidi Hetz, Herford

Viele unserer Gesprächspartner/innen verwiesen eindringlich auf die Unterdrückung bzw. das Verbot der deutschen Sprache Anfang des letzten Jahrhunderts, den Entwicklungen im Faschismus sowie den starken und 1972 dann auch erfolgreichen Autonomiebestrebungen nach dem 2. Weltkrieg. Dies erklärt z.T. den hohen Stellenwert und die intensive Pflege der deutschen Sprache sowie die besondere Betonung der Zwei- und Mehrsprachigkeit in der zum italienischen Staat gehörenden autonomen Provinz Südtirol.
Südtirol hat knapp eine ½ Million Einwohner; mit 16 Jahren müssen sich die Jugendlichen als deutsch-, italienisch- oder ladinischsprachig "erklären". Dies ist wichtig, da z.B. die Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst nach Proporz vergeben werden. Für eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst (aller Art) muss darüber hinaus eine Zweisprachigkeitsprüfung absolviert werden. Z.Zt. gelten ca. 70% der Südtiroler als deutschsprachig, 26% als italienisch- und 4% als ladinischsprachig (Rudolf Meraner: Bildung und Schulentwicklung in Südtirol im Kontext von Europa, 2006).
Die unterschiedlichen Sprachgruppen haben eigene Verwaltungen, d.h. es gibt ein deutsches, ein italienisches und ein ladinisches Schulamt. Nach unseren Informationen dürfen in deutschen Schulen nur deutschsprachige Lehrer/innen unterrichten, außer italienisch, in diesem Fach müssen es italienischsprachige Lehrkräfte sein. Für das italienische Schulwesen in Südtirol gilt das Umgekehrte. Die Kindergärten und Schulen sind in der Regel ethnisch getrennt. Gegenwärtig kennt man in Südtirol keine nennenswerte Arbeitslosigkeit (2-3 %). Für die Jugendlichen ist die Vollbeschäftigung eine klare Perspektive. Im gesellschaftlichen Bewusstsein hat Bildung Vorrang; bei der geringen Einwohnerzahl kommt es auf jeden Einzelnen an: "Qualität vor Quantität" heißt die Devise!


Autonomie und Schule in Südtirol
Bericht: Johannes Schröder, Stätte der Begegnung e.V.

>Schule neu denken<, so lautete nach Rudolf Meraner das Motto für die Entwicklung des Südtiroler Bildungssystems in den letzten 15 Jahren. Als entscheidend erwies sich dabei der Erneuerungswille und die Gestaltungskraft der einzelnen Schulen und Kindergärten, insbesondere ihre Fähigkeiten, die jeweiligen Gegebenheiten ihres Umfeldes aufzunehmen. Wesentlicher Motor der Schulentwicklung in Südtirol - so Rudolf Meraner - war und ist die Autonomie der Schule und die damit verbundenen Möglichkeiten der Schulen, pädagogische und organisatorische Aspekte weitgehend selbst zu gestalten.
Wir erfuhren, dass die Geschichte der deutschen Schule in Südtirol eng mit den politischen Gegebenheiten vor Ort verknüpft ist. Es ist ein dreisprachiges Land, da neben der deutschen und der italienischen auch die ladinische Sprache als offizielle Sprache behandelt wird. So gibt es drei gesetzlich anerkannte Sprachen in der Verwaltung.
Die in ganz Italien um 1990 beginnende Diskussion um die Autonomie der Schule konnte/mußte hier in Südtirol gleichzeitig verbunden werden mit der Klärung des spannungsgeladenen Verhältnisses italienischer Schulen (Staatsschulen) und deutscher Schulen (Minderheitenschulen), aber auch mit Fragen der Organisations- und Unterrichtsentwicklung. Die Schulentwicklung in Südtirol hat m. E. im Vergleich mit unserer Entwicklung einen Vorsprung von ca.10 - 15 Jahren. Warum? Bereits 1994 startete in Bozen ein Projekt in dem sich Schulen erstmals mit Fragen der Selbstevaluation auseinandersetzten. Mitte der 90ger Jahre wurden bereits berufsbegleitende Lehrgänge angeboten um für >Offenen Unterricht< zu qualifizieren.


Der Weg zur autonomen Schule in Südtirol
Bericht: Johannes Schröder

Bis Anfang der 90er Jahre war in Italien das Bildungssystem zentralistisch organisiert. Mehr als 20.000 Gesetze und Verordnungen regelten den Schulbereich. Zu allen denkbaren Fragen gab es detaillierte Vorschriften aus dem Ministerium. In der >Conferenza nazionale sulla scuola < (1991) wurde die Dezentralisierung thematisiert und von Autonomie der Schulen gesprochen. Eine neue Aufgabenverteilung wurde gefordert: "die zentralen Einrichtungen sollten die Ziele bestimmen und Standards für die zu erbringenden Leistungen vorgeben, die Schulen sollten autonom und professionell die Wege bestimmen, wie sie die Ziele und Standards erreichen. Die Schule wäre damit nicht mehr ausführendes Organ des Staates, sie sollte von Professionalität bestimmt sein und nicht mehr von Bürokratie" (Rudolf Meraner: Autonomie der Schulen: Rechtliche Grundlagen und Entwicklungsschritte. In: Eigenständige Schule. Erfahrungen, Reflexionen, Ergebnisse- am Beispiel der Schulen in Südtirol. Hrsg. Rudolf Meraner, München 2004, S. 18).
1993 diskutierte das Italienische Parlament ein Rahmengesetz, in welchem den Schulen Italiens Autonomie in den Bereichen Didaktik, Unterrichtsorganisation, Verwaltung und Finanzen zugesprochen wurde. 1997 konnte nach langem Hin und Her wegen wechselnder Parlamentsmehrheiten das Staatsgesetz Nr. 59 - eingebettet in eine große Verwaltungsreform mit dem Ziel der Dezentralisierung und Deregulierung - eingeführt werden.
Rudolf Meraner bezeichnet diese >Verwaltungsreform< als wegweisend und auch aus pädagogischer Sicht als sinnvoll, weil sie der Schule die Chance zu einem erweiterten pädagogischen Handeln eingeräumt hat. So hat die >Autonome Provinz Bozen-Südtirol<, im Schulbereich mit sekundärer Gesetzgebungskompetenz ausgestattet, die Aufgabe bekommen, unter Wahrung der Grundsätze der Staatsgesetze, diese der Situation des Landes anzupassen. Am 29.06.2000 wurde somit das Landesgesetz zur Autonomie der Schulen (Nr. 12/2000) erlassen.


Ziele und Inhalte der Autonomie
Bericht: Johannes Schröder

Die neu verankerte >Autonomie der Schule< war nicht Selbstzweck, sondern sollte >den Bildungserfolg garantieren< und >die Wirksamkeit des Lehrens und Lernens erhöhen< (Art. 2, Absatz 3). Die einzelne Schule übernahm die Verantwortung für die Ausgestaltung und Verwirklichung des Bildungsangebotes. Dabei wurde folgende Zielsetzung besonders betont:
· die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Personen mit den allgemeinen Zielen des
Schulsystems in Einklang bringen
· die Persönlichkeitsentwicklung als Hauptanliegen sehen
· das jeweilige Umfeld, die Erwartungen der Familien und die Eigenart der Beteiligten berücksichtigen.
Schulen in Südtirol erhalten eine Finanzautonomie und bekommen vom Staat einen Regelbetrag zugewiesen sowie Ausgleichszahlungen. (So hatte z.B. im Rahmen der Finanzautonomie das von uns besuchte naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtete Realgymnasium in Bozen-Gries eine Fachkraft für den Physik- und Chemieunterricht eingestellt, welche die zeitaufwendigen Versuchsreihen für die FachlehrerInnen vor- und nachbereitet und die Abläufe unterstützt). Südtiroler Schulen können durch spezielle Aktivitäten und Angebote aber auch selbst Einnahmen erzielen. Autonomie besteht insbesondere hinsichtlich der didaktischen Ausrichtung, der Unterrichtsformen und -zeiten und der Entwicklung eines entsprechenden Schulprofils. Der Autonomiegedanke ermöglicht es jeder Schule, zur Integration aller SchülerInnen individuelle Lernwege anzubieten, Begabungen von SchülerInnen besonders zu fördern oder Nachhol- und Stützmaßnahmen anzubieten und zu organisieren. Autonomie hat auch ihre Grenzen. Die Zuteilung der Lehrpersonen erfolgt über nationale ‚Wettbewerbe'. R. Meraner bezeichnet dieses als Handicap einer wirklichen Schulautonomie. Die Erziehungsfreiheit liegt voll bei den Eltern.

In Südtirol (ebenso wie in ganz Italien) wird die Rolle des Schulleiters/der Schulleiterin anders gesehen als bei uns. Er/sie ist nicht LehrerIn mit einem zusätzlichen Sonderauftrag, sondern die Schulleitung ist ein ‚eigener Beruf'. So erteilt ein/e DirektorIn selbst keinen Unterricht. Laut Landesgesetz zur Autonomie ist der Schuldirektor oder die Schuldirektorin
· als Führungskraft eingestuft,
· gesetzlicher VertreterIn der Schule,
· zuständig für eine einheitliche Führung der Schule, hat also Leitungs- und
Koordinierungsbefugnisse,
· Vorgesetzter des Personals,
· zuständig, die personellen Ressourcen bestmöglich einzusetzen,
· verpflichtet, die Richtlinien und Befugnisse der Kollegialorgane und das Schulprogramm
zu beachten,
· für die erzielten Ergebnisse verantwortlich,
· in seiner Arbeit zu bewerten und zu bestätigen.


Ausbildung der Kindergartenerzieherinnen u. der Grundschullehrkräfte
Bericht: Heidi Hetz und Johannes Schröder

Mit dem Studienjahr 98/99 wurde die Ausbildung der KindergärtnerInnen auf eine akademische Ebene angehoben und an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen (Freie Universität Bozen) verankert. Dies zeigt den hohen Stellenwert der Anforderungen an den Erzieherinnenberuf, der sich auch in einer wesentlich besseren finanziellen Vergütung als in Deutschland niederschlägt und das Gefälle hinsichtlich gesellschaftlicher Anerkennung und Bezahlung minimiert. Im Kindergarten >Raggio di sole< (Genuastr.94) begegneten wir einer theoriesicheren und persönlichkeitsstarken Absolventin der akademischen ErzieherInnenausbildung in Südtirol.
Aktuell verdienen an der Universität ausgebildete KindergärtnerInnen genauso viel wie GrundschullehrerInnen, arbeiten aber 36 Stunden, während GrundschullehrerInnen 22 Std. unterrichten. Nach einem gemeinsamen Grundstudium mit den PrimarstufenlehrerInnen gibt es für beide Berufsgruppen ein getrenntes Schwerpunktstudium. Lehramtsstudierende arbeiten in >Lernwerkstätten< an der Entwicklung von Konzepten für offene Unterrichtsformen. Hohe Bedeutung haben berufsbegleitende Nachqualifizierungen (zweijährige
Lehrgänge) für die bereits in Kindergarten und Schule Tätigen. Jede/r KindergärtnerIn sollte ab 2008 ein Abitur haben, auch die GruppenhelferInnen.


Aufbau des Schulwesens
Bericht: Heidi Hetz

Die Südtiroler Grundschulen umfassen die Klassen 1 bis 5, darauf folgt eine dreijährige Mittelschule. Die SchülerInnen verbringen diese acht Jahre in Gemeinschaftsschulen; die Sonderschulen wurden in Italien generell bereits vor 30 Jahren aufgelöst; das gegliederte Schulwesen wurde bereits 1962 abgeschafft. Vor einigen Jahrzehnten wurden die Ziffernnoten durch Verbalrückmeldungen mit dem Schwerpunkt des Aufzeigens der individuellen Entwicklungen und weniger der Vergleichbarkeit mit anderen Schüler/innen ersetzt. Nur in der Oberstufe gibt es ein Notensystem von 1 (schlecht) bis 10 (sehr gut). Nach der 8- (evtl. auch 9- jährigen) Pflichtschulzeit können 5-jährige Oberschulen mit den unterschiedlichsten Schwerpunktsetzungen oder drei Jahre Fachschule in der Berufsbildung besucht werden. Ca. 70% der deutschsprachigen Schüler/innen eines Jahrgangs erreichen das Abitur. In Deutschland liegt die Quote bei 39 %.
Im deutschsprachigen Schulwesen Südtirols besuchen etwa 10% der Schüler/innen eine Ganztagsschule; im italienischsprachigen sind es 30%. Samstagsunterricht ist allerdings weit verbreitet.
Grundschulen gibt es auch in sehr kleinen Gemeinden ("Zwergschulen", z.B. auch mit 10 Kindern, einem Lehrer, einem Sprach- und einem Religionslehrer); die Mittelschulen sind sog. Mittelpunktschulen mit größeren Einzugsgebieten.


Kindergärten in Südtirol
Bericht: Heidi Hetz und Johannes Schröder

In Italien gehörten die Kindergärten traditionell zum Schulbereich. Dennoch haben sie (wie in Deutschland) einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Frau Dr. Christa Messner: "Wir haben bereits 1976 damit angefangen, alle Kinder in einer Lerngruppe mit ihrer natürlichen Heterogenität zu sehen. Das ist ein Erfolg und eine Herausforderung!" Frau Messner versteht ihre Tätigkeit als Kindergarteninspektorin als Anwältin der Kinder. Für sie lautet die Zielsetzung für die Kindergartenarbeit: "das gesamte Potential der Kinder fördern!" Zur Zeit wird an besser abgestimmten Übergängen zwischen Kindergärten und Grundschulen gearbeitet. Es gibt gemeinsame Planungen, verschiedenste Kooperationen, aber keine durchgehende "Lernlinie" zwischen Kindergarten und Grundschule. In Südtirol gibt es 255 deutsche und 57 italienische Kitas; in den kleineren Dörfern 137 eingruppige Einrichtungen. Die Arbeit mit Eltern hat laut Frau Messner einen großen Stellenwert. Das Bild der >Rabenmutter<, die ihre Kinder ganztags abgibt, existiert in Italien nicht.
Der Besuch in dem italienischen Kindergarten "Raggio di sole" zeigte eine großzügige, ja üppige Ausstattung (z.B. mit Sport- und Bewegungsmöglichkeiten innen und außen oder einzelnen Stationen/Nischen z.B. für Rollenspiele "Kaufladen"/Einkaufen sowie Materialien, beispielsweise im Bereich mathematischer Förderung). Der Personalschlüssel ermöglicht sowohl die Arbeit in kleinen Gruppen (altershomogen)
als auch in verschiedenen Aktivitätsbereichen (altersheterogen), Theaterprojekte mit externer Unterstützung, die Integration mehrerer behinderter Kinder mit jeweiligen Integrationspädagogen sowie zwei deutschsprachige Erzieherinnen, die durch ihre Präsenz und ihre Mitarbeit die deutsche Sprache den Kindern "nebenbei" vertraut machen, ohne "Sprachprogramme" o.ä. anzubieten.
Insgesamt erschien die Kindergartenarbeit relativ strukturierte Angebote, mit aus deutscher Sicht eher "verschulten" Elementen, anzubieten. Allerdings war die Besuchszeit zu kurz um ein fundiertes Urteil darüber abzugeben. Die Aussagen Frau Messners bestätigten diesen Eindruck, da im Urteil ausländischer Migranteneltern die deutschen Südtiroler Kindergärten im Verhältnis zu den italienischen als weniger verschult gelten.
Aus den Veröffentlichungen des Deutschen Schulamtes geht hervor, dass sich die Südtiroler Kindergartenpädagogik mit (auch aus der deutschen Diskussion zur frühkindlichen Erziehung und Bildung bekannten) internationalen Konzepten und Ansätzen auseinandersetzt um dadurch ein eigenständiges, mit den Menschen vor Ort entwickeltes Verständnis der Kindergartenarbeit zu entwickeln (s. "Mitgehen. Orientierung für Eltern. Einblick in den Kindergarten" . Hrsg. Pädagogisches Institut Bozen, 2003). Bei diesen Konzepten wird besonders die Montessori-Pädagogik erwähnt, aber auch Waldorfpädagogik, der Situationsansatz,
der offene Kindergarten oder die Reggio-Pädagogik. Ein Sonderheft des Kindergarteninspektorats widmet sich der Beobachtung und Dokumentation der frühkindlichen Entwicklung, insbesondere der Arbeit mit Lerntagebüchern, mit Projektarbeit sowie mit dem (ursprünglich aus Neuseeland stammenden) ressourcenorientiertem Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren der "Bildungs- und Lerngeschichten", die seit einigen Jahren durch ein Projekt des Deutschen Jugendinstitutes (u.a. in Paderborn) auch in
Deutschland bekannt geworden sind (WIR - Kindergarten in Südtirol, Kinder auf Lernwegen: Beobachten, Hrsg. Kindergarteninspektoriat am Deutschen Schulamt 2005/2006; auch: "Neue Lernkultur in Kindergarten und Schule. Das Lernen in den Mittelpunkt stellen." Hrsg. E. Lanthaler und R. Meraner, Pädagogisches Institut Bozen, 2005). Für Christa Messner rücken die Selbstbildungspotentiale der Kinder immer stärker in den Vordergrund; neben der akademischen Erzieherinnenausbildung müssen zur Bewältigung der aktuellen Anforderung im Kindergartenbereich die Fortbildungsanstrengungen verstärkt werden. Professionelle Elternarbeit, Stärkung elterlicher Kompetenz, Kooperationen mit dem Gemeinwesen und den Grundschulen, Beachtung kultureller Pluralität, Flexibilisierung von Öffnungszeiten, zunehmender Bedarf auch bei der Betreuung der unter 3-Jährigen, Arbeit an Qualitätsstandards u.ä. sind auch in Südtirol die Herausforderungen der Zukunft (WIR - 30 Jahre Kindergartengesetz. Hrsg. Kindergarteninspektoriat am Deutschen Schulamt 2006/2007).


Schulentwicklung in Südtirol
Bericht: Heidi Hetz

Zu Beginn der 90er Jahre erlangte Südtirol in internationalen Leistungsstudien unterdurchschnittliche Werte. Nach den PISA-Ergebnissen 2003 liegt die deutsche Schule Südtirols etwa ein Schuljahr vor Deutschland und vor der italienischen Schule in Südtirol. (Rudolf Meraner: Bildung und Schulentwicklung in Südtirol im Kontext von Europa, 2006, S. 2)
Laut R. Meraner, Direktor des Pädagogischen Instituts für die deutsche Sprache in Bozen, ist diese Entwicklung auf eine zielstrebige und ehrgeizige Schulentwicklung zurückzuführen.

Wesentliche Stichworte hierzu:
· Grundschulreform
· Autonomie der Schulen
· Selbstevaluation
· Ständig erweiterte Lehrerfortbildung
· Kontinuierliche Unterrichtentwicklung

Kernstück der Grundschulreform ist das Mehrlehrerprinzip, beispielsweise sind drei Lehrkräfte (plus evtl. zwei Integrationslehrkräfte) für zwei Klassen zuständig; hinzu kommen Fachlehrer/innen für Sprache und Religion. Das Mehrlehrersystem soll die Beobachtung und Beratung einzelner Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts ermöglichen. Gemeinsame Planungsstunden fördern die Teamarbeit; Fortbildungen sind obligatorisch. In einer Grundschulklasse sind maximal 25 Kinder; bei Klassen mit behinderten Kindern wird die Klasse ab 20 geteilt.
Die Grundschulen werden im Wesentlichen von Kindern des Stadtbezirks besucht. Selbstevaluationgruppen, Evaluations-werkstätten sowie eine Feedbackkultur werden gefördert. Aber auch externe Evaluationen, Beobachtungen und Befragungen in den Schulen sind verbreitet. Die Lehrerfortbildung wurde aufgrund Schweizer Untersuchungs-ergebnisse über deren Wirksamkeit radikal verändert: 2 1/2 Tage gelten als untere Grenze;
normalerweise bestehen die Fortbildungen aus 8 bis 9 Blöcken pro Jahr mit dazwischen zu erledigenden Arbeitsaufgaben, Austausch und Praxisverknüpfungen. Zur Unterrichtentwicklung gehört die Individualisierung des Lernens, die gezielte individuelle Förderung sowie die Integration verschiedener reformpädagogischer Ansätze. Formen des offenen Unterrichts, des selbstgesteuerten Lernens sowie Montessori-Prinzipien zählen hierzu. Seit kurzem wurden im Rahmen einer umfassenden Schulreform für ganz Italien in Südtirol folgende neue Elemente erprobt:

· Einführung von Kern-, Wahlpflicht- und Wahlfächern in allen Schulformen
· Lernberatung
· Arbeit mit dem Portfolio (Rudolf Meraner: Bildung und Schulentwicklung in Südtirol im Kontext von Europa (2006), S. 3f)

Allerdings fielen diese Reformen nach Auskunft unserer Gesprächspartner mit Sparmaßnahmen und dem Versuch die Lehrer-Präsenzen zu reduzieren zusammen, so dass mit Streiks (90%ige Beteiligung) der Lehrkräfte an den deutschen Schulen gegen diese von den Lehrer/innen als Mehrbelastung empfundene von oben verordnete Reform protestiert wurde. Im April 2007 hat die Landesregierung auf die Wünsche der Lehrerschaft reagiert und für die deutschsprachigen und ladinischen Schulen Modifizierungen dieser Schulreform vorgenommen. Während an der Lernberatung und an individuelleren Wahlmöglichkeiten für Schüler/innen festgehalten werden soll, wird von der verpflichtenden Einführung der Portfolio-Methode Abstand genommen. Die Lernfortschritte unter Beteiligung der Schüler/innen müssen dokumentiert werden, die Vorgehensweise/Methode kann aber vom Lehrerkollegium festgelegt werden. (INFO Mai 2007. Hrsg. Deutsches Schulamt Bozen, S. 12)


Besuch in der Pestalozzi-Grundschule in Bozen-Europa und in der benachbarten Mittelschule
Bericht: Heidi Hetz

Die Grundschule verfügt über drei Züge/Zweige:

· 5 Regelklassen mit 5-6-Tage-Woche (halbtags)
· 10 Ganztagsklassen
· 5 Montessori-Klassen (halbtags)

Die Eltern können zwischen diesen drei Modellen wählen; die Teilnahme sowie Bücher u.ä. ist kostenlos; eine Kostenbeteiligung für das Mittagessen ist nach Einkommen gestaffelt. Eigene Profilbildung erfolgt im Bereich Sprachförderung, Umwelterziehung, soziales Lernen; Schwerpunkt ist auch die Theaterpädagogik.
Vor etlichen Jahren wollten Eltern eine private Montessori-Schule gründen; dies wurde von der Gemeinde aufgegriffen und in das normale Schulwesen integriert. Die 5-jährige Grundschule wurde mit entsprechenden Lernmaterialien für 50.000,- € ausgestattet; das Montessori-Material soll allerdings auch den anderen Kindern der Grundschule zur Verfügung stehen. An der benachbarten Mittelschule gibt es zwei Pflicht-Nachmittage, Wahlangebote sowie freiwillige Nachmittagsangebote, Hausaufgabenhilfen, eine Schulband, Kunstprojekte, Tanzen oder Sport. Bei den Wahlpflichtfächern werden kleine Gruppen gebildet; für 5 bis 6 Projekte stehen 11 Lehrkräfte zur Verfügung.
Förderunterricht findet in Gruppen von 3 bis 4 Kindern statt. Ganztägige Angebote werden von berufstätigen Eltern aus der ganzen Stadt nachgefragt. Etwa die Hälfte der Jugendlichen nimmt an den freiwilligen Angeboten teil. An dieser Mittelschule wird gegenwärtig ein Montessori-Zweig aufgebaut.
In einer anderen Mittelschule in Brixen werden im Montessori-Zweig, der auch auf eine hartnäckige Elterninitiative zurückzuführen ist, täglich zwei (von sechs) Unterrichtsstunden für Freiarbeit reserviert. In diesen Freiarbeits-stunden finden die Schüler/innen eine vorbereitete Lernumgebung vor und entscheiden selbst, welchen Lernstoff sie bearbeiten. ("Neue Lernkultur in Kindergarten und Schule. Das Lernen in den Mittelpunkt stellen." Hrsg. E. Lanthaler und R. Meraner, Pädagogisches Institut Bozen (2005), S. 155ff)
Diese Freiarbeitsstunden werden durch zwei Lehrkräfte des Kernteams und eine weitere Integrationslehrkraft abgedeckt. Dabei ist die Integrationsfachkraft nicht nur für behinderte Schüler/innen zuständig, sondern jede Lehrkraft kümmert sich um diejenigen, die Hilfe benötigen. In Zukunft sollen auch alle "normalen" Lehrkräfte als Integrationsfachkraft ausgebildet werden.


Besuch in einer Oberschule/Realgymnasium in Bozen-Gries
Bericht: Heidi Hetz

Grundsätzlich steht jedem Oberstufenschüler jedes Gymnasium offen, d.h. es gibt keine speziellen Empfehlungen oder Notendurchschnitte als Voraussetzung. Trotz unterschiedlichster Oberstufen (mit Schwerpunkten wie: Gewerbe, Landwirtschaft, Handel, Tourismus, traditionellere Gymnasien) werden die zentralen Prüfungen und Abschlussthemen von Rom vorgegeben um die Matura/das Abitur als gleichwertigen Abschluss für Italien gelten zu lassen.
Das Realgymnasium in Bozen-Gries ist eine 5-jährige Sek II-Schule, die nach Auskunft des Schulleiters Dr. Georg Mühlberger einen relativ hohen Anspruch (Zitat: "für Schüler, die sich was zutrauen") hat und typisch gymnasiale Fächer anbietet, die nicht abgewählt werden können. Schwerpunktfächer sind Mathematik und Latein. Die Schule selbst macht einen großzügigen Eindruck, räumlich kommunikationsfördernd, einladende Schulbibliothek und eigenes Schwimmbad eingeschlossen.
Obwohl es hier zwei lange Unterrichtstage für die Gymnasiasten gibt, ist keine Mensa vorgesehen; vorhanden sind Getränkeautomaten und Cafes in der näheren Umgebung. Individuelle Förderung schwächerer SchülerInnen scheint den Äußerungen des Schulleiters zufolge kein besonderer Stellenwert zuzukommen; vielmehr können die Jugendlichen, die den dortigen Anforderungen nicht gewachsen sind, ja "leichtere" Oberschulen in Bozen besuchen. Dazu passend sind auf den Schwarzen Brettern Werbungen für kommerzielle Nachhilfe zu finden.


Das Bibliothekswesen in Südtirol
Bericht: Heidi Hetz und Herbert Birk, Löhne

Neben den 120 kommunalen Bibliotheken in Südtirol (davon allerdings die gute Hälfte ehrenamtlich geführt) gibt es knapp 60 anerkannte Schulbibliotheken, die auf 36 ausgebildete hauptamtliche Bibliothekare zurückgreifen können. Die von uns im Realgymnasium besuchte Schulbibliothek verfügt über Medien aller Art, über Arbeitsplätze und hauptamtliches Personal. Die Schulbibliothek ist als Unterrichts-Ort mit Zugang zu allen Medien ausgestattet. Sie wird betreut von einer Bibliotheks-Assistentin. Es gibt dort regelmäßige Bibliotheks-Projekte: (Beispiel "Brasilien"; Die "zwischen den Buchdeckeln" liegende Imagination wird real, etwa durch "Erfahrungsberichte aus Brasilien", "Brasilianisch Kochen" usw. Man weiß dann, was zwischen den Buchdeckeln steckt, weiß auch, dass es davon noch mehr gibt.)

Planung, Leitung und Finanzierung der Bibliotheken liegen bei der Landesregierung Südtirol. Damit gibt es eine hohe Kontinuität. Nahziel ist, 30-38% der Bevölkerung als aktive Leser zu gewinnen. Bei einer Bevölkerungszahl Südtirols von 480.000 gibt es heute 140.000 JahresleserInnen. Sämtliche Leistungen der Bibliotheken sind kostenfrei. Es gibt ein Bemühen, sämtliche Formen literarischer Sammlung zu integrieren und anzupassen - von der Flur-Bibliothek eines abgelegenen Pfarramtes bis zur Erfassung bischöflicher Folianten. Dazu gehören in der Regel auch die Schulbibliotheken.
Man muss sich Südtirol als weitgehend dünn besiedelt vorstellen, mit teilweise recht entlegenen Ortschaften, die geringe Einwohnerzahl aufweisen. Daher kommt man ohne Unterstützung durch "ehrenamtliches Personal" nicht aus. Eine Vernetzung und Anpassung der Ausleihtechnik ist unter diesen räumlichen Bedingungen wichtig und wird gegenwärtig angestrebt. Das Bibliothekswesen leistet einen wichtigen Beitrag zur Sprach- und Leseförderung, mit überregional bekannten Aktionen wie "Lesefrühling" und speziellen Angeboten für Kindergärten und Schulen.
Die Veranstaltungsreihe "Lesefrühling 07" konnte südtirolweit von Februar bis Mai 2007 etwa 480 Veranstaltungen anbieten. Projektpartner des Bibliothekswesens waren neben Schulen und Kindergärten Museen, Jugendzentren, Seniorentreffs, Buchhandlungen und andere Kultureinrichtungen. Zu den Angeboten zählen Aktivitäten des Familienbüros wie "Babys lieben Bücher", Begegnungen und Lesungen mit Kinder- und JugendbuchautorInnen, Literaturprojekte im Internet, (Bilderbuch)Ausstellungen, mehrsprachige Lesewettbewerbe, Literaturnächte, spezielle Angebote für männliche Kinder und Jugendliche, Kreative Schreibwerkstätten, Theater- und Filmvorstellungen u.v.m. (Leseräume - Wörterträume; Lesefrühling 2007 - Veranstaltungskalender. Hrsg. V. Amt für Bibliotheken und Lesen, Bozen, 2007)


Die neue Lernkultur im Südtiroler Bildungssystem ? Eine Einschätzung
Bericht: Rolf Erdmeier, Bielefeld

Nachdem Eindrücke aus den Gesprächen, Besichtigungen und Hospitationen in Bozen aufgenommen und ein wenig verarbeitet sind, können einige Vergleiche zu unserer deutschen Situation und damit persönliche Bewertungen vorgenommen werden. Hier einige Aspekte, die mir hinsichtlich des erfolgreichen Abschneidens bei internationalen Schuluntersuchungen für die Autonome Provinz Bozen-Südtirol wesentlich erscheinen:

· Nicht vergleichbar sind sicherlich die Rahmenbedingungen, unter denen die Schule in Südtirol arbeiten kann, wie z.B. die politische Stabilität, die gute wirtschaftliche Situation des Landes,
deutlich geringere soziale Probleme. Durch die geringe Arbeitslosigkeit sind natürlich auch die Familien mit Migrationshintergrund sehr viel leichter zu integrieren, die durch den Einsatz im Tourismusbereich oft von ihren muttersprachlichen Kenntnissen sogar profitieren können. Auch konnten Schulreformen im Hinblick auf die Größe des Landes schneller und übersichtlicher eingeführt und gesteuert werden.
Interessant fand ich dazu die skizzierten Unterschiede zwischen der italienischen und der deutschen Sprachgruppe im Hinblick auf die Inanspruchnahme von Ganztagsplätzen in Tageseinrichtungen und Schulen.

· Man muss wohl die politische und geschichtliche Entwicklung mitgemacht haben um zu verstehen, dass man sich - nicht nur im Bildungsbereich - Dreifach-Strukturen leistet.

· Mit zusätzlichem Blick auf Finnland und unsere Eindrücke im Jahr 2006 finde ich bemerkenswert die Feststellung von Prof. Meraner, Strukturreformen an sich würden relativ wenig bewirken, maßgeblich seien die dahinter stehenden Botschaften und die flankierenden Maßnahmen. Offenbar gibt es z.B. für die Einheitsschule der Klassen 6 - 8 ein hohes Maß an Akzeptanz, wohl auch hinsichtlich der Einbeziehung von behinderten Kindern und deren spezieller Förderung, von der immer die anderen Mitschüler auch profitieren, weil zusätzliche Lehrerstunden nicht diesen Schülern sondern jeweils der Klasse zugewiesen werden.

· Ähnlich wie in Finnland scheint die Bevölkerung hinten den Reformen zu stehen und die Ausgaben im Bildungsbereich, die sich spiegeln in den z.T. besseren Rahmenbedingungen hinsichtlich der Lehrerausstattung, Klassengrößen, der Räumlichkeiten und der Sachmittel, zu akzeptieren.

· Im Kindergarten fand ich bezeichnend die Feststellung, dass Kinder mit anderer Muttersprache sehr schnell die deutsche (bzw. italienische) Sprache lernen ohne besondere Sprachförderung, die bei uns jetzt ja besonders in der Diskussion ist. Das dürfte insbesondere darauf zurückzuführen sein, dass eine Rückzugsmöglichkeit der Kinder auf ihre Muttersprache mangels gleichsprachiger Gesprächspartner kaum möglich ist.

· Kernelement der neuen Lernkultur ist wohl, dass nicht Lehren und Unterrichten im Mittelpunkt steht sondern das Lernen der Schülerinnen und Schüler und die damit einhergehende veränderte Rolle des Lehrers, die in erster Linie durch Fort- und Weiterbildung erreicht wurde.

· Zwar wird in Präsentationen zum Südtiroler Bildungssystem als wichtiges Element die Einbeziehung der Eltern aufgeführt und es wird der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule formuliert, Formen einer Zusammenarbeit mit Blick auf die gemeinsame individuelle Förderung der Schüler habe ich jedoch bei unseren Gesprächspartnern nicht herausgefunden.

· Zusammenfassend ist für mich festzustellen, dass in Südtirol zweifellos in recht kurzer Zeit im Bildungsbereich viel gelungen und auf den Weg gebracht wurde. Wie schon bei einem Vergleich mit Finnland festzustellen war, mangelt es uns in Deutschland nicht an Konzepten (viele Elemente, besonders im Kindergartenbereich - sind in Südtirol von deutschen Fachleuten mitgestaltet worden),
während andere Länder ihre Reformen konsequent zielstrebig umsetzen, wird nach wie vor bei uns über den rechten Weg (z.T. ideologisch) gestritten und darunter leidet trotz zahlreicher Anstrengungen und guten Willens bei vielen Beteiligten die Umsetzung, weil ein klarer politischer Wille nicht erkennbar ist und eine eindeutige Botschaft in der Bevölkerung nicht ankommt.

Juni 2007

 

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