Aktuelles
11.05.2007

Wertschätzung von Schule und Lernen in Finnland erlebt!
Studienreise vom 01.05. - 06.05.2007 führte nach Jyväskylä in Finnland
Bericht: Johannes Schröder

Warum sind wir im Rahmen einer Studienreise nach Jyväskylä im Herzen von Finnland gefahren?

Das finnische Schulsystem hat bei internationalen Vergleichen (PISA-Studien) der Lernergebnisse gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt. Seit der Einführung der >Gemeinschaftsschule< in den siebziger Jahren werden in Finnland allen Schülern gleichwertige Bildungsmöglichkeiten garantiert. Hier ist in über 30 Jahren >eine Schule für alle< entwickelt worden, in der jeder einzelne Schüler wahrgenommen, akzeptiert und respektiert wird, egal welcher Wissensstand und welche Leistungs-möglichkeit gerade vorhanden ist. Die Lesefähigkeit finnischer SchülerInnen gehört zu den besten der Welt.
Die Stadt Jyväskylä nennt sich gern "das Athen von Finnland", weil sie eine lange Bildungs- und Kulturtradition aufweist. Seit Mitte des 19. Jhr. gibt es hier eine finnisch-sprachige höhere Schule, ein Institut für die Lehrerausbildung und ein Lyceum für Mädchen.


Eindrücke:
Auch in Finnland fällt Bildung nicht vom Himmel. Der Vorschulunterricht im Kindergarten will die Lernvoraussetzungen der Kinder verbessern. Nach dem Gesetz haben die Kommunen (mit finanzieller Unterstützung des Staates) für alle sechsjährigen Kinder kostenlosen Vorschulunterricht zu organisieren. Die Teilnahme daran ist jedoch freiwillig. Über 90 % machen davon Gebrauch. In Finnland kennt man keine Schulpflicht, sondern es gibt eine Lernpflicht. Wer in Finnland seine Prüfungen besteht, kann lernen wo und wann er will. Wenn Schüler kommen, dann freiwillig. Na, könnte dies schon e i n Erklärungsansatz für die Unterschiede in den Bildungssystemen auf der Erscheinungsebene sein?

Finnland lässt sich die Bildung seiner jüngsten Bürger einiges Kosten. Der Anteil der Ausgaben der öffentlichen Hand für Bildungszwecke am Bruttoinlandsprodukt lag 1998 bei 6,2 % (OECD-Durchschnitt = 5,3 %). Die Kommune Jyväskylä, so Herr Eino Leisimo, Direktor des Schulamtes, in einem Gespräch mit unserer Gruppe, gibt pro Jahr etwa 4.800,00 € pro Schüler aus. Ca. 4/5 davon steuert der Staat, 1/5 die Kommune bei. Seine Praxis als >Schulmeister< (viele MitarbeiterInnen der städtischen Verwaltung, die für die Schule und Bildung zuständig sind, sind ausgebildete LehrerInnen) bringt Eino Leismo ins Spiel, wenn er uns die Power-Point-Tafel über Zielsetzung von Schule und Bildung in der Stadt Jyväskylä präsentiert: "Lernen und Lehren basieren auf einer Arbeitskultur, die das Wohlergehen der Schüler unterstützt, die Mitwirkung stärkt, die Unterschiede akzeptiert und die auf Gemeinschaft hin orientiert ist". Seine für mich wichtigste Aussage klingt bei mir im Ohr nach:

Die Finnen mögen kleine überschaubare Schulen. Nur 3 % der Schulen im Lande haben mehr als 500 SchülerInnen. Deshalb gibt es z. B. im Stadtgebiet von Jyväskylä - bei 85.000 Einwohnern (davon 16.000 Studenten) - 30 Schulen; allein15 für die Klassen 1-6. Zwei davon haben wir besucht und bei Hospitationen tiefe Einblicke in das Schulleben gewinnen können.
In Finnland herrscht Lernmittelfreiheit. Der Staat definiert sich als Wohlfahrtstaat und kümmert sich um Chancengleichheit und angemessene Grundversorgung seiner jungen BürgerInnen. So erhalten alle Schulkinder täglich eine kostenlose warme Mahlzeit. Auch unsere Reisegruppe hat 2 x an dieser Verpflegung teilnehmen dürfen und dabei wiederum interessante Beobachtungen machen können. Es gab keine ‚Schlacht am Kalten Buffet', vielmehr Schlangestehen mit Gelassenheit, dann Selbstbedienung am Buffet. Kaum ein Krümel fiel zu Boden und zum Schluss der Mahlzeit konnten wir Kinder sehen, die der Küche in einer Art >Meckerkasten< eine Rückmeldung schrieben. Auf meine Frage, was sie denn angekreuzt hätten, kam die 3-fache Antwort: es hat geschmeckt!

Die mündliche Mitarbeit wird in finnischen Schulen so gut wie nicht bewertet, was zählt, ist die schriftliche Leistung. Überhaupt ist das Schwätzen, rechthaberisches Labern und auf Selbstdarstellung zielendes Schwadronieren in Finnland weder in der Schule noch im Lokal oder auf der Straße besonders ausgeprägt. Die Finnen sind eher introvertiert, auch SchülerInnen sind eher zurückhaltend und ruhig, reden nur nach Aufforderung. Zu unserer Verwunderung erleben wir immer wieder hochgradig disziplinierte Klassen und Arbeitsgruppen.

Was es für mich bedeutet:
In Finnland konnte ich erfahren und lernen, dass Bildung und Persönlichkeitsbildung zusammengehören. Dies heißt: das Kind wird im Kindergarten und der Schüler wird in der Schule in seiner Individualität und als Person wahrgenommen, mit dem was er schon kann und nicht mit dem, was er noch nicht ist.
In den verschiedenen Praxiseinblicken während der Studienreise wurde mir ein finnisches Prinzip immer deutlicher: Es gibt keine SchülerInnen mit besonderen Defiziten, wohl aber Menschen mit besonderem Hilfe- oder Unterstützungsbedarf, damit sie - wie alle - Lernen und Leben können.

Mitgenommen nach Deutschland habe ich die Fragen:
- Wie können wir nach solch einer Erfahrung als BürgerInnen bei uns auf die Wertschätzung und Gestaltung von Bildung erfolgreicher Einfluss nehmen?
- Wie treten und wirken wir Entwicklungen in unserer Gesellschaft entgegen, denen zufolge die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen gebildeten und bildungsfernen Schichten, zwischen aktiv gestaltenden und passiv verwalteten Mitgliedern immer deutlicher zutage treten?


Eine nachhaltige Finnlandreise
Bericht: Anne Engelhardt, Lengerich, Juni 2007

Es geht um Lernen!
Menschen und besonders Kinder sind neugierig. Sie wollen wissen, wie etwas funktioniert, wie etwas heißt, was man damit machen kann, wie sich etwas anfühlt. "Wissen wollen" passiert bei uns Menschen, es geschieht wie der Atem, wie der Stoffwechsel in unserem Körper. Und es können auch Störungen, Verzögerungen, Behinderungen, Einschränkungen, Krankheiten auf dem Entwicklungsweg des "Wissen wollens" bzw. Lernens entstehen.
Auch in Finnland gibt es unterschiedliche Entwicklungswege menschlichen Lernens so wie in Deutschland. Und jedes Land, jede Kultur entscheidet sich für ein Vorgehen und Umgehen mit dieser Unterschiedlichkeit des Lernens. Wir in Deutschland haben uns zu dieser Unterschiedlichkeit bekannt und diese in einem dreigliedrigen Schulsystem mit zusätzlichen Sonderschulen festgelegt. Nach der vierten Klasse wissen wir schon ziemlich genau, wie schnell, langsam, gut oder schlecht ein zehnjähriges Kind lernen kann.
Die Finnen hingegen wissen, dass ein Kind lernen will. Und darum übernehmen finnische Eltern, Pädagogen und Politiker von Anfang an die Verantwortung, genau zu beobachten, was das Kind braucht, um das "Lernen-wollen" nicht zu verlieren, bzw. wieder herzustellen oder es zu unterstützen.
Im finnischen Bildungssystem werden Lernentwicklungen bei Kindern begleitend während ihrer gesamten Lernentwicklung evaluiert. Diese Evaluationen dienen aber nicht dazu, qualitative Lernunterschiede von Kindern strukturell im Schulsystem festzuschreiben, sondern gleichwertige Möglichkeiten des Lernens anzubieten. Schon im Kindergarten wird auf diese Unterschiede konstruktiv und systematisch reagiert. Kindergärtnerinnen mit einer universitären Ausbildung, ein hoher Personalschlüssel und kleine Gruppen bilden den äußeren Rahmen und die Wertschätzung jedes Kindes und der Gemeinschaft den inneren inneren roten Faden einer erfolgreichen Frühförderung zu Neugier, Toleranz und Verantwortung. Durch Tests in der Vorschule (6 bis 7- Jährige) und ein begleitendes Portfolio für jedes Kind wird der Bedarf an Förderunterricht und Unterstützung für die Grundschule ermittelt und für das Kind bereitgestellt.
Sowohl diese Selbstverständlichkeit von Förderung und damit von Unterschiedlichkeit als auch die Verantwortung für die Gemeinschaft und damit die Notwendigkeit von Disziplin ermöglichen in Finnland ein Lernklima von dem viele deutsche Lehrer/Lehrerinnen und Schüler/Schülerinnen nur träumen. In Finnland geht es wirklich erlebbar um Lernen und nicht um Noten, Schulpflicht und disziplinarische Maßnahmen. In Deutschland kann man eher von einem widerständigen Lernen sprechen, in Finnland hingegen steht das selbstverständliche Lernen im Vordergrund. Im finnischen Bildungssystem geht es einfach um Lernen -professionell, menschlich und pragmatisch!

Es soll keiner verloren gehen!

Nach Hurrelmann sind ca 20 % unserer Hauptschüler - größtenteils Jungen mit Migrationshintergrund - ohne Abschluss, nicht mehr in das Berufsleben integrierbar und kriminell gefährdet. In Jyväskylä (83 000 EW) haben im letzten Jahr 700 Schüler/Schülerinnen die neunte Klasse abgeschlossen, davon haben fünf, d.h. 0,7 %, kein Zeugnis bekommen. "Sie sind verloren gegangen. Das darf nicht passieren! Daran müssen wir noch arbeiten", sagt der Direktor des Schulamtes von Jyväskylä. Ich war sprachlos, als ich diese Stellungnahme hörte. Ein Verwaltungsbeamter im Schulamt weiß um diese fünf verloren gegangenen Schüler, macht sich Sorgen um diese und übernimmt die Verantwortung, indem er Veränderungen im System erreichen will. Die Gelenkstelle zwischen dem neunten Schuljahr und der gymnasialen bzw. berufsorientierten Oberstufe sei die kritische Stelle. Der "Opo" oder auch Schullaufbahnberater müsse an dieser Stelle noch mehr betreuen, damit kein Schüler verloren gehe.
Natürlich haben wir mit Finnland im Vergleich zu Deutschland ein Land mit einer viel geringeren Bevölkerung, weniger Migranten und einer anderen Geschichte. Und trotzdem kann das keine Rechtfertigung für unser deutsches Bildungs-Verlustgeschäft sein! Wir verlieren nicht nur viele Schüler als Arbeitskräfte, sondern wir produzieren systematisch Menschen, die unsere Gesellschaft und sich selbst gefährden. Das ist menschlich und volkswirtschaftlich ein Skandal.
Unsere Hospitation an der Gemeinschaftsschule Kilpisen Koulu für die 7. bis 9. Klassen hat mir die Augen und das Herz für eine qualifizierte und systematische Betreuung und Förderung von Schülern/Schülerinnen mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten geöffnet. Opos sind nur Opos und keine Lehrer. Sie sind vielseitig ausgebildet und setzen sich für die Schüler/Schülerinnen ein. Welche Lernstrategien braucht der Schüler, um besser lernen zu können? Sind es zeitlich begrenzte Schwierigkeiten, längerfristige Schwierigkeiten oder braucht er vielleicht Einzelunterricht? Die Antworten auf diese Fragen führen in einen individuell gestalteten Förder- oder Rahmenplan. Diese HOPPI oder HOJKS sind oft eine Rettung für den Schüler/die Schülerin, denn nur so bleiben die Wege in die weiterführenden Schulen offen. So bleibt für alle finnischen Schüler/Schülerinnen die

Chance auf ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben und dieses ist nicht wie für viele unserer Hauptschüler stark gefährdet oder sogar verbaut.
"Niemand fällt durchs Netz!" sagte der Opo und ich dachte, das ist eine schöne Vision für Deutschland! Hoffentlich, denn wir können uns diesen gesellschaftlichen Verlust von Menschen nicht leisten und ihn nicht verantworten.

Und wie geht es weiter?
Nach meiner Ankunft hier in Deutschland ergriff mich immer wieder diese finnische Zurückhaltung und Melancholie. Ich bin noch ziemlich ratlos, wie ich meine Eindrücke und Visionen in politische Handlung umsetzen kann. Persönlich bin ich wunderbar realistisch vom finnischen Bildungssystem, so wie ich es begrenzt erleben konnte, erfüllt und besonders mit all seinen Unzulänglichkeiten beeindruckt.
Das Wunderbare ist, dass ich nicht begeistert euphorisch davon schwärme, sondern so wie die Finnen mit beiden Füßen auf der Erde davon berichten und fühlen kann. Es war und ist einfach eine nachhaltige Finnlandreise.


Gedanken nach der Finnlandreise
Bericht: Cornelius Hüdepohl, Tecklenburg, Juni 2007

Dass es in Finnland einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu geben scheint, der die eine "Schule für Alle" trägt, das hat mich am stärksten beeindruckt. Und dass die finnische Gesellschaft, die ja immerhin auch auf einem kapitalistischen Wirtschaftssystem basiert, bereit ist, so viel Geld für ihren Nachwuchs auszugeben. Aber vermutlich ist es so, dass sich die Investitionen volkswirtschaftlich rechnen, was doch auch für uns Deutsche ein gutes Argument sein müsste (wahrscheinlich in der Zukunft auch verstärkt sein wird), wenn schon der Anspruch, keinen zu verlieren, hierzulande nur wenige Anhänger findet.
Gute Bildung für Alle gibt dem Einzelnen die größtmögliche Freiheit der persönlichen Entwicklung: keine Wege werden abgeschnitten. "Schau um dich: Wer möglichst viele Möglichkeiten hat, dessen Freiheit ist es" (Schmetterlinge). Die Einsicht, dass die Mentalität der Finnen eine große Rolle spielt, ist nicht unbedingt ermutigend: Wie soll man die Mentalität eines Volkes ändern? In welchen Zeiträumen muss da gedacht werden?
Die Enttäuschung über das Vorherrschen von Frontalunterricht (zumindest in den von uns besuchten Schulen zumindest zum Zeitpunkt unserer Hospitationen) war eine Ent-Täuschung im Sinne des Wortes: Wer nach Finnland fährt, um ein erfolgreiches Schulsystem zu besichtigen, täuscht sich offensichtlich leicht in Bezug auf seine didaktisch-methodischen Erwartungen. Der "Arbeitsfrieden", der durch umfangreiche Förderung schon vom Kindergarten an erreicht wird, scheint eine ausreichende Grundlage für gute Ergebnisse zu geben. Aber sind Individualisierung, Selbsttätigkeit, Entwicklung von Kreativität nur Sperenzchen, die das finnische Schulwesen nicht braucht? Hier wäre weitergehende Recherche interessant. Bewundernswert die ruhige, ausgeglichene Atmosphäre in den Schulen. Keine Hektik, keine Aggressivität, bescheidene Freundlichkeit in Lehrerzimmer und Klassenräumen. Man hat nicht das Gefühl, sich auf einem Schlachtfeld zu bewegen, wie das in deutschen Schulen oft ist.
Wir produzieren unsere Probleme selbst, und zu viele bleiben auf der Strecke. Nicht nur Schüler, auch die Lehrer zählen zu den Opfern. 95% der psychosomatischen Klinikbetten, von denen es in Deutschland mehr gibt als in allen uns umgebenden Ländern zusammengenommen, sind von Lehrern belegt, so Manfred Spitzer. Die Schlacht wird nicht entschärft, wenn mehr Sanitäter auf das Schlachtfeld geschickt werden, mögen sie jetzt "Schulpsychologe", "Schulsozialarbeiter" oder "Opo" heißen. Auch wird sie nicht entschärft, wenn sie auf den Nachmittag ausgedehnt wird.
Die grundlegende Beschämung liegt im System, in der Tatsache, dass es für einen Schüler neben der Schule, die er besucht, noch eine Schule (bzw. mehrere) gibt, für die er "nicht gut genug" ist.
Für uns geht es m.E. um zweierlei: Schon jetzt möglichst viele Schulen gut zu machen (wie z.B. die Preisträger des Deutschen Schulpreises, die alle integrative Gesamtschulen sind - denn dazu kann man die Grundschulen ja auch rechnen) und gleichzeitig die radikale Umstrukturierung des Schulsystems (also ein Verbot der Aussonderung) zu propagieren und zu fordern.



 

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