Aktuelles
25.03.2007
Mit tiefen Eindrücken von Studienreise nach Auschwitz und Krakow in Polen zurück
Gedenkstättenfahrt für Hauptschüler vom 19.03.-24.03.2007 erfolgreich

27 SchülerInnen der Jahrgangsstufe 10 der Hauptschule Bünde nahmen an der 5-tägigen Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz teil. Gern hätte auch der 17-jährige Adriyan Haxhovic teilgenommen, aber Adryian ist Roma - seine Familie stammt aus dem heutigen Kosovo, wird in Deutschland seit 16 Jahren nur geduldet und darf das Land nach geltendem Ausländerrecht nicht verlassen. So verweigerte die Ausländerbehörde nach Anfrage dem Jungen die Reise zu jenem Ort, an dem auch Vorahnen seiner Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurden.
Aber auch ohne Adrian Haxhovic handelte es sich bei dieser Teilnehmergruppe um eine multikulturell zusammengesetzte Lerngruppe. Die Hälfte der Teilnehmenden hatte einen Migrationshintergrund. Ihre Familien stammten ursprünglich aus der Türkei, aus Weißrussland, aus Ex-Jugoslawien, aus Polen oder aus Großbritannien. Durch gute Kooperationsabsprachen im Vorfeld war einerseits eine intensive Vorbereitung im schulischen Geschichtsunterricht gelaufen, andererseits konnte das didaktische Konzept so adäquat den Lernbedürfnissen dieser Zielgruppe angepasst werden. Die Lerngruppe entwickelte ein auffallend starkes Interesse an der Thematik und zeigte sich hoch motiviert, den teils 3-stündigen Ausführungen während der Führungen in Auschwitz und Birkenau - trotz nasskalter Wetterbedingungen - höchst aufmerksam zu folgen. Hilfreich und dienlich waren dabei allerdings auch die Aufteilung der Gesamtgruppe und der Einsatz von 2 Guides des Museums.

Der erste Programmpunkt hieß folglich: >Zur Topografie des Ortes Auschwitz früher und heute< Welche Infrastruktur fanden die Nationalsozialisten 1940 hier vor? Welche Entwicklung nahm der Ort in den folgenden 5 Jahren? Wie entwickelte sich der Ort Oswiecim nach 1945 unter den Bedingungen der Geschichtlichkeit des Ortes? Dazu wurde u.a. das >Auschwitz Jewish Center<, ein kleines Museum in Oswiecim aufgesucht, welches mit einer Ausstellung und Informationen zum Leben in der Stadt Oswiecim vor 1939 aufwartet.

Danach ging es um die persönliche Erwartungsabklärung vor dem Besuch der Gedenkstätte und der eher psychologischen Einstimmung auf die Begegnung mit Auschwitz, den möglicherweise individuell unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Reaktionsweisen und der unterschiedlichen Betroffenheiten, z.B. bei der gleichzeitigen Anwesenheit anderer nationaler Besuchergruppen im Museum. Die Teilnehmenden sollten darauf vorbereitet sein, dass sie als Besucher den Ort jeweils unterschiedlich erfahren könnten: als touristischen Ort, als Lernort, als Museum oder auch als Gedenkort oder als Friedhof.
Diese Aspekte der Wahrnehmung waren dann später auch Gesprächsgegenstand beim Erfahrungsaustausch nach den Führungen.
Dabei standen folgende Fragen im Zentrum:
· Was hat dich am meisten berührt, während wir die zwei Lager besichtigt haben?
· Welche menschlichen Haltungen sind für Dich ursächlich, dass Auschwitz so geschehen konnte?
· Wie hat sich dein Bild über Auschwitz durch den Besuch verändert? Hat es sich verändert?
· Welche Gründe könnte es haben, wenn Menschen die Geschehnisse in Auschwitz/Birkenau heute
· relativieren oder verharmlosen wollen?

Zeitzeugenbegegnung als besondere Chance
Das Zeitzeugengespräch mit dem polnischen Holocaustüberlebenden Tadeusz Sobolewicz am Mittwochnachmittag erfüllte alle Erwartungen, die mit dieser Vermittlungsform von individuell erlebter Geschichte verbunden sind. Nach dem ersten Teil , in dem die Seminargruppe den Schilderungen des Überlebenden mit hoher Wachsamkeit und Anteilnahme gefolgt war, nutzten diese in einem zweiten Teil sehr rege die Chance, den Zeitzeugen nach ganz konkreten Details jener Zeit aber auch nach den Folgen und Folgerungen seiner besonderen Erfahrungen für die Zeit nach der Befreiung (1945) und heute zu befragen.

Eine Besonderheit der Zeitzeugenbegegnungen mit Herrn Sobolewicz liegt darin, dass es sich nicht nur um eine historisch orientierte Erinnerungsarbeit handelt, sondern dass die Jugendlichen durch Herrn Sobolewicz als politische Subjekte der Gegenwart und als Mitgestalter von Zukunft angesprochen werden. "Es ist nicht mein Ziel", so der Holocaustüberlebende, "Euch als Deutsche für die Verbrechen der Nazis verantwortlich zu machen.
Nein, es ist meine moralische Pflicht, Euch - so lang ich es noch kann - von der Vergangenheit zu erzählen, damit Ihr diese Erinnerung jetzt umsetzt in eine Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben in einem vereinten Europa u n d damit Auschwitz mit Eurer Hilfe nicht in Vergessenheit geraten kann!" Die jugendlichen TeilnehmerInnen zeigten sich dieser Ansprache gegenüber sehr aufgeschlossen; sie fühlen sich durch das formulierte Vermächtnis Ernst und in die Pflicht genommen.
Rückmeldungen machen regelmäßig deutlich, dass durch Gespräch und Begegnung mit diesem Zeitzeugen der eigene Identitätsbildungsprozess einen Schub erfährt, dass das individuelle Handeln in der Gegenwart eine neue Bedeutung erhält.
In welcher Weise die Jugendlichen die Aufforderung des Zeitzeugen, sich heute zu positionieren und Zivilcourage zu zeigen, aufgenommen haben, spiegelt sich u. a. in einigen Formulierungen der Evaluation, die noch auf der Rückreise vorgenommen wurde, wider. Hier wird im Sinne der konzeptionellen Zielsetzung nochmals deutlich, das diese Lerngruppe die Thematik an sich hat rankommen lassen und die damit gebotenen Chancen nutzen wollte und konnte.
Die Erinnerung wach halten!
Das Konzept der Veranstaltung wollte den historischen Weg zum Verlust der Menschenwürde nochmals nachvollziehbar machen und dabei den Blick für politische und individuelle Verantwortung schärfen. Es geht mit den Worten von A. u. M. Mitscherlich darum, zu verhindern, "dass noch einmal Gehorsamsakte, welche die individuelle Verantwortung auslöschen, zu deutscher Politik werden können."(Mitscherlich, A. u. M.: Die Unfähigkeit zu trauern, S. 28) Das Bemühen, "die Katastrophen der Vergangenheit in unseren Erfahrungsschatz einzubeziehen, und zwar nicht nur als Warnung, sondern als die spezifisch an unsere ‚nationale' Gesellschaft ergehende Herausforderung, mit ihren darin offenbar gewordenen brutal-aggressiven Tendenzen fertig zu werden"(S. 23) kann nicht nur eine kurzzeitpädagogische Anstrengung sein. "Der Inhalt einmaligen Erinnerns, auch wenn es von heftigen Gefühlen begleitet ist, verblasst rasch wieder. Deshalb sind Wiederholung innerer Auseinandersetzungen und kritisches Durchdenken notwendig, um die instinktiv und unbewusst arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden."(S.24) A. und M. Mitscherlich haben verdienstvoll jene psychohistorischen Dimensionen in die Erinnerungsdebatte eingeführt, die uns als aktuell erinnernde und handelnde Subjekte in das Problemfeld einbeziehen. "Wo psychische Abwehrmechanismen wie etwas Verleugnung und Verdrängung bei der Lösung von Konflikten, sei es im Individuum, sei es in einem Kollektiv, eine übergroße Rolle spielen, ist regelmäßig zu beobachten, wie sich die Realitätswahrnehmung einschränkt und stereotype Vorurteile sich aus-breiten."(S.24)
Wir wissen heute, dass eine eher unbewusste Zensur unseres eigenen Bewusstseins dafür zuständig ist, dass gerade in den wünschenswertesten Fällen die heilsame Wirkung des Erinnern und Durcharbeitens nicht stattfindet, denn entscheidend ist die unbewusste Dimension der Erinnerung. "Wir haben uns das Verschwinden ehemals höchst erregender Vorgänge aus der Erinnerung als das Ergebnis eines gleichsam reflektorisch ausgelösten Selbstschutzmechanismus vorzustellen." Folglich gilt, damals wie heute: "Alle Vorgänge, in die wir schuldhaft verflochten sind, werden verleugnet, in ihrer Bedeutung umgewertet, der Verantwortung anderer zugeschoben, jedenfalls nicht im Nacherleben mit unserer Identität verknüpft".
In Krakow stand u.a. eine Ortserkundung mit dem Thema >Spuren des ehemaligen Krakower Ghetto's erkunden< auf dem Programm. Ausgestattet mit jeweils einem fotokopierten Stadtplanausschnitt mit eingearbeiteten Hinweisen auf zu findende historische Orte (Überbleibsel der Ghettomauer / >Die Emaillewarenfabrik des Oskar Schindler / die Apotheke des ehemaligen Ghettos (heute ein kleines Ghettomuseum) sollten die Teilnehmenden in kleinen Gruppen eigenständig bestimmte Stellen erkunden und dort befindliche historische Befunde in Augenschein nehmen.
Dazu mussten Fragen beantwortet werden, Informationen, die sie nur vor Ort abrufen konnten. Bei der gemeinsamen Auswertung wurden diese in den historischen Gesamtzusammenhang gestellt. Dieser Programmpunkt forderte die Teilnehmenden bewusst als selbsttätig, aktiv Handelnde und Lernende heraus. Die Ergebnisse der Recherchen und Überlegungen waren mehr als zufriedenstellend. Der auf der Rückreise im Bus gezeigte Film >Schindlers Liste< ließ die Orte und das dortige historische Geschehen nochmals ‚lebendig' werden.

Vlotho, April 2007
Johannes Schröder

 

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